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Schweizer Führer-Phänomen

23. September 2026
Schweizer Führer-Phänomen

In der Schweiz heisst es Lenker eines Autos, nicht Fahrer. Dieser Lenker benötigt in der Schweiz ausserdem einen Führerausweis, keinen Führerschein.

Bekanntlich gibt es viele Unterschiede solch banaler und anderer Art zwischen der Schweiz und Deutschland. Dazu gehören unzählige Unterschiede in der Qualität, und zwar in fast allen Belangen. Auch in der Schweiz sind Nation und Menschen nicht perfekt. Fast alles aber ist dort besser als in fast allen anderen Ländern – vor allem als in Deutschland. Für die atemberaubende Schönheit des Landes können die Eidgenossen nichts, wohl aber für deren Erhalt. Ihr Essen, das exzellente Funktionieren praktisch aller öffentlichen Belange und der Infrastruktur und vor allen Dingen ihre innere und äussere Freiheit sind ebenso herausragende Leistungen der Schweizer, wie ihr Wohlstand und ihre Lebensqualität. Es war mir stets schleierhaft, wie ein Deutscher der Schweiz je etwas anderes entgegenbringen konnte als Respekt und den Wunsch, von ihr zu lernen.

Rätselhaft bleibt bei ihren zahllosen Begabungen eine Insel-Unfähigkeit der Schweizer: Der durchschnittliche Lenker eines Autos nämlich ist eine Apokalypse. Er ist nicht einfach nur ein schlechter Autofahrer, sondern vergleichbar in seiner Abgründigkeit nur noch mit der Diagnose „Female Asian Driver“. Ein Schweizer mag sich als Führer ausweisen können, ist aber in der Mehrzahl der Fälle von solch apokalyptischer Unfähigkeit, sein Auto tatsächlich zu führen, dass es einem stets aufs Neue die Sprache verschlägt. Es fehlt ihm alles: Überblick, Sicherheit, Reaktionsgeschwindigkeit und – scheinbar – auch jegliche Freude am Fahren.

Zur Farce wird dieser Zustand dadurch, dass kaum an einem anderen Ort auf diesem Planeten so viele Autos jenseits von 400 PS und/oder 100 000 Franken Anschaffungspreis unterwegs sein dürften. Nirgendwo sonst hat man derartig viele „Spitzenmodelle“ der einschlägigen Hersteller vor der Nase; Autos, deren Heckbeschriftung kaum noch auf die Karosserie passt. Jedes zweite ist ein RS600V8AMGXdriveSEL, selbstredend mit allen Extras und häufig in einer äusserlich als solche gekennzeichneten „Swiss Edition“. Diese Schlitten sind nicht nur wegen der Fahrunfähigkeit ihrer Besitzer eine Groteske. Sie wären selbst bei Hochbegabung ihrer Lenker auf Schweizer Strassen fehl am Platz. Denn wer in der helvetischen Eidgenossenschaft das absolute Maximum von 120 km/h um mehr als nur einen Hauch überschreitet, ist schnell nicht nur den Führerausweis los, sondern zugleich viele tausend Franken und oft auch seinen Boliden – endgültig. Die Strafen für „Raserei“ sind kaum zu glauben. Wer mehr als das Doppelte der erlaubten Geschwindigkeit fährt, wandert bis zu zwei Jahren in den Knast. Seine Fahrweise wird dann nämlich als bedingter Tötungsvorsatz gewertet. Hier wie in allem sind die Schweizer schnell und effektiv bei der Durchsetzung ihres Rechts.

Das Führer-Phänomen der Schweizer gehört unter allen denkbaren „Fehlern“ eines Landes sicher zu den harmlosesten. Und so sind sie denn auch bei ihren Unzulänglichkeiten wieder einmal besser als die meisten anderen. Egal, ob man sie für all ihre Eigenschaften nun liebt oder hasst: Man muss sich vor ihnen verbeugen.

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