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"Wir betrachten uns als politische Flüchtlinge"

27. April 2025

"Wir betrachten uns als politische Flüchtlinge"

Gestern zogen bei mir gegenüber Neue ein. Zwei Deutsche Ende zwanzig. Seit einem Jahr leben sie schon in der Schweiz. Jetzt sind sie in mein Dorf im Auenland gezogen, auf die andere Straßenseite.

Die beiden sind selbst Kinder von Einwanderern. Ihre Eltern kamen der Perspektiven wegen nach Deutschland, sie selbst wurden dort geboren. Heute haben sie Ausbildungen und gut bezahlte Jobs im Ausland – denn in Deutschland erkennen sie keine Perspektive mehr.

"Hier kann man frei leben", sagen sie. In Deutschland könne man nicht einmal mehr frei reden. Das habe sie aus Deutschland weggetrieben. Politisch oder öffentlich aktiv waren sie nie. Kein Interesse. Einfach in Ruhe leben möchten sie. Sie sehen sich als "politische Flüchtlinge" und empfinden Trauer darüber, was aus Deutschland geworden ist. Bei uns im Auenland gründen sie nun ein Unternehmen.

Meine Nachbarn auf der anderen Seite waren bereits dort, als ich vergangenes Jahr einzog. Auch sie sind ein Paar aus Deutschland, "Biodeutsche" aus dem Osten. Sie schauten mich damals erstaunt an. Sie kannten mich und mochten meine Veröffentlichungen. Dass ich neben ihnen einzog, schien ihnen ein erstaunlicher Zufall. Sie seien hier aus eben jenen Gründen, über die ich schreibe und spreche.

Nicht weniger erstaunlich sind mir meine neuen Nachbarn. Unser Dorf scheint eines von Exilanten zu werden, und den Einheimischen kann das nicht gefallen. Sie wollen auch nur in Ruhe leben und sich nicht (schon wieder) mit dem Wahnsinn ihres Nachbarlandes herumschlagen müssen. Ich verstehe diesen Wunsch nur zu gut, und aus zwei Gründen bin ich optimistisch:

Die Exilanten Deutschlands, die ich heute erlebe, kommen weder als Klugscheißer noch als Usurpatoren. Das Letzte, was sie möchten, wäre eine "Bereicherung" ihres Gastlandes mit der "Kultur", der sie entflohen sind. Vor allem aber glaube ich: Die, die jetzt gehen, möchten vor allem aufbauen. Die eigene Zukunft gestalten. Sie scheinen nicht die schlechtesten Ihrer Generation. Ein Großteil von ihnen würde wohl gern in seine Heimat zurückkehren, wenn diese ihre Selbstzerstörung dereinst denn aufgeben sollte. Grund zur Sorge, meine ich, müssen unsere Gastgeber daher nicht haben.

Ja, die beiden Nachbarspaare scheinen wie ein allzu großer Zufall. Als Figuren eines Manuskripts würde ich sie keinem Lektor zumuten aus Angst vor dessen Schelte. Trotzdem: Sie sind weder eine Bieridee noch ein anderes Konstrukt. Mein Erlebnis mit ihnen trug sich so zu.

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